Tradition und Moderne Literatur - was ist der Unterschied?

21. Januar 2026

Von der traditionellen zur modernen Literatur

In der Kunstgeschichte werden Werke meist einer bestimmten Epoche zugeordnet. Es gibt verschiedene Epochen, die jeweils eigene Stilrichtungen hervorbringen. Diese Epochen gibt es in der Malerei, Fotografie, Musik und Literatur. Meine Klasse hat sich deshalb damit beschäftigt, traditionelle und moderne Literatur zu vergleichen. Dabei haben wir verschiedene charakteristische Unterschiede festgestellt, die wir anhand von Büchern verschiedener Epochen an konkreten Textstellen besprechen konnten. Wir haben die Werke „Ein Doppelgänger” von Theodor Storm, „Das Urteil” von Franz Kafka und „Radetzkymarsch” von Joseph Roth gelesen und miteinander verglichen. Anhand dieser Texte konnten wir den Unterschied zwischen den Epochen sowie den Übergang von der traditionellen zur modernen Literatur nachvollziehen. Dabei ist uns aufgefallen, was im Nachhinein sehr naheliegend erscheint: Der Übergang von der traditionellen zur modernen Literatur war fließend und die verschiedenen Werke wiesen viele Schnittstellen auf. So hält sich der „Radetzkymarsch” beispielsweise nicht immer an moderne Strukturelemente. Es gibt nämlich verschiedene Strukturelemente, die bei der Unterscheidung der beiden Epochen helfen. Dazu zählen die Figurengestaltung, die Gestaltung des Erzählers bzw. der Erzählerin, die Wirklichkeitsgestaltung, die Sprache und die Wirkungsabsicht. Es gibt sicherlich weitere Elemente, doch diese sind die wichtigsten.

In der Figurengestaltung geht es um die Stabilität der Hauptfigur in Bezug auf ihre eigene Integrität. In der traditionellen Literatur ist die Hauptfigur fest, aber nicht flach. Sie kann sich verändern, bleibt sich selbst aber treu. In der modernen Literatur ist die Hauptfigur dagegen labil und wird stark von der Gesellschaft beeinflusst. Eine feste und gesicherte Identität der Hauptfigur ist nicht mehr gegeben.

Bei der Gestaltung des Erzählers bzw. der Erzählerin geht es in der traditionellen Literatur darum, dass er bzw. sie das Geschehen objektiv und chronologisch darstellt. Man konnte sich auf diese erzählende Figur verlassen. In der modernen Literatur ist diese Figur jedoch nicht mehr vertrauenswürdig. Sie erzählt nicht die ganze Wahrheit, verschweigt uns Dinge oder beschreibt sie anders, als sie waren. Genau dieses Verhalten ist zentral für die moderne Literatur, denn es zeigt, dass es eine „objektive Realität“ nicht gibt; alles ist subjektiv.

Die Wirklichkeitsgestaltung unterscheidet sich in den beiden Epochen dadurch, dass in der traditionellen Literatur die Wirklichkeit nachgeahmt wird, während in der modernen Literatur nur vorgegeben wird, die Wirklichkeit nachzuahmen. Die beiden Wirklichkeitsgestaltungen unterscheiden sich dadurch, dass das Geschehen in der Tradition ein wahrscheinliches Ereignis darstellt, während in der Moderne eine falsche Wirklichkeit dargestellt wird. Eine Wirklichkeit, die in sich nicht schlüssig ist, die nicht kohärent ist. Diese Inkohärenz soll zeigen, dass die Welt nicht objektiv darstellbar ist und die Handlungen der Menschen nicht immer nachvollziehbar sind.

Die Sprache als Strukturelement wird in der Tradition anders verwendet als in der Moderne. In der Tradition gilt die Sprache als kunstvolle Darstellung, während sie in der Moderne selbst als bedeutungstragendes Mittel taugt.

In der traditionellen Literatur ist das Strukturelement der Wirkungsabsicht so ausgerichtet, dass das Werk dem Leser die Möglichkeit bietet, Erfahrungen zu machen und Ansichten zu gewinnen, ohne dass er sie in der Realität erleben muss. Dies wird durch eine Identifikation des Lesers mit der Hauptfigur und durch ein dem wirklichen Leben nachempfundenes Geschehen erreicht. In der modernen Literatur hingegen wird eine Identifikation mit der Hauptfigur durch Verfremdung möglichst verhindert. Der Leser wird aufgefordert, das Geschehen zu hinterfragen.

Worin liegt der Unterschied?

Im zweiten Teil dieses Blogs werde ich versuchen, einen Ausschnitt aus „Ein Doppelgänger“ in eine moderne Form zu bringen. Als Grundlage habe ich folgenden Ausschnitt gewählt:

„Die anderen lachten und gingen auseinander, um sich mit Tänzerinnen zu suchen. John aber, der aus halbgehörten Worten sich genug heraushörte, klemmte die Lippen zusammen und tanzte weiter mit seinem jungen Weibe und immer nur mit ihr“

In dieser Szene tanzt John Glückstadt mit seiner Frau, die von anderen Tanzenden weggedrängt wird. Dabei schlägt sie sich den Rücken an eine Tischkante. Daraufhin bittet John einen der anwesenden Arbeiter, den Tisch zu verschieben, dieser ignoriert jedoch John und verweigert die Hilfe. Daraufhin macht sich der Arbeiter mit den anderen Anwesenden über John lustig. John ignoriert dies und tanzt weiter, wie es in der Textstelle beschrieben ist. Meine modernisierte Version lautet daher:

„Er hörte die anderen lachen und ihre flüchtigen Blicke fühlten sich wie Schläge an. Die bösen stimmen machten ihn taub. John Glückstadt hörte nichts mehr, er sah nur noch in die Augen seiner geliebten Hanna, ihre Liebe entzündete ihn und das machte ihm Angst.“

In dieser modernisierten Version habe ich die Erzählperspektive beibehalten, die Wirklichkeitsgestaltung, die Sprache und die Wirkungsabsicht jedoch verändert. Dadurch erhält der Leser einen genaueren Einblick in die Figur John Glückstadts. Ich habe außerdem die Sprache so verändert, dass ich den Wörtern durch Metaphern einen komplexeren Sinn gebe. Blicke sind zwar nicht in der Lage, jemanden zu schlagen, aber sie können eine Person emotional verletzen. Dies wird durch die Schnittstelle von Blicken und Schlägen ausgedrückt. Es werden also der Schmerz des Schlages und die Wahrnehmung fremder Blicke zusammengeführt. Zusätzlich habe ich mit der letzten Aussage eine Prolepse, also eine Voraussage, verwendet.


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